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Was der Saarländer von seinem Staat wissen muß - Eins von vielen Beispielen für Geschichtsfälschung

Was soll aus Europa und dem Saarland werden? Das war in den 50er Jahren eine der dominierenden Fragen für die saarländische Gesellschaft und dessen Beantwortung wahlkampfentscheidend. Wie mittlerweile endlich öffentlich im Mainstream zugegeben wird, schmuggelten die deutsch-national eingestellten Kirchen und Aktivisten, u.a. Helmut Kohl, verbotenes Propagandamaterial über die saarländische Grenze, um die Wahlen in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Man sah sich von deutscher Seite aus auf Seite der Guten und hatte ein gewisses Sendungs- bzw. Missionierungsbewusstsein, Zitat:

„Die politische Situation an der Saar hat es erforderlich gemacht, der frankophilen Propaganda hier durch Herausgabe von Werbematerial entgegenzuwirken.“ [1]

Vernichtung und Fälschung von Saarstaatsliteratur

Um den Saarstaat und all seine Volksvertreter wie auch neutralen Beamte zu diskreditieren, hat man damals alles und jeden in Bewegung gesetzt - auch um den freien Saarstaat zu besetzen, und zwar vorallem ideologisch: Dazu zählte bspw. die aktive Zerstörung von Saarstaatsliteratur nach 1956 wie z.B. das Werk "Was der Saarländer von seinem Staat wissen muß - Einführung in die Staatsbürgerkunde" von August H. Lauriolle.

Was der Saarländer von seinem Staat wissen muß - Vergleich
Was der Saarländer von seinem Staat wissen muß [Original mit Ergänzung aus der Verfassung]
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Originalfassung

Original-Was_der_Saarländer_von_seinem_Staat_wissen_muß
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Der Name dieses Werkes ist Programm: Es enthält Infos über den Aufbau des saarländischen Staates, seine Wirtschaftsfähigkeit und erklärt, warum das Saarland auf die UN verzichtet hat und somit eines der letzten souveränen Staaten der Welt ist. Wir haben auch eine Seite aus der Verfassung als Bonus ergänzt.


Gerade Literatur, die etwas mit der damals angewendeten Rechtspraxis zu tun hatte oder den Bürger einfach und übersichtlich über seine Rechte aufklärte, ließ man verschwinden oder änderte gewisse Inhalte ab - so auch im oben genannten Buch auf Seite 16. Auf dieser gefälschten Seite ging es, damals und heute immer noch brisant, um die Zukunft des Saarlandes in Europa.


Im Landesarchiv entdeckten wir bei einer begrenzt einsehbaren Mappe von Dr. Heinrich Schneider die Originalfassung und staunten nicht schlecht, da man heutzutage auf dem Markt immer nur noch die Exemplare mit der gefälschten Seite vorfindet. Zu über 90 Prozent haben diese Hefte entweder keine Zeitangabe, eine falsche Zeitangabe oder wurden 1956 gedruckt, da wir wissen, dass es

dieses Buch schon ab 1954 gab.


An dem Buch war kein Funken auszusetzen, also tauschte man einen bestimmten Abschnitt ohne die Zustimmung des Autors aus. Diesen Abschnitt brauchten und nutzten die damaligen Putschisten dann, um gegen den Saarstaat zu hetzen.


Worum ging es genau auf der gefälschten Seite?

Auf der gefälschten Seite wurde behauptet, dass das Saarland an einem Bundesstaat "United States of Europe" (= Vereinigte Staaten von Europa) interessiert sei und darauf hinarbeite, sich einer noch zu bildenden europäischen Zentralregierung unterzuordnen. Im Original und in der Wirklichkeit hingegen wurde sich für das Gegenteil im Zusammenhang mit Europa stark gemacht.


Es gibt nämlich bzgl. Europa zwei Vorstellungen: Bundesstaat oder Staatenbund

Vereinigen sich mehrere Staaten auf Dauer, OHNE dass ein neuer Oberstaat geschaffen wird, dann entsteht ein sog. Staatenbund. Die Einzelstaaten behalten die Selbständigkeit.


Die Vereinigung mehrerer Staaten unter Preisgabe eines Teils ihrer Souveränität zugunsten des Oberstaates nennt man Bundesstaat, wobei i.d.R. 3 Bestrebungen auftreten:

a) Das Streben nach einem Einheitsstaat. Alle Macht der Zentralinstanz. (Unitarismus)

b) Gleichmäßige Machtverteilung zwischen Ober- und Gliedstaaten. (Förderalismus)

c) Entwicklung zum Staatenbund, Gliedstaaten möglichst souverän machen (Partikularismus)


Was im Original über Europa genau zu lesen war

Ein freies, demokratisches Europa entsteht in seiner politisch-staatlichen Form bald oder nie. Warum bald?

Weil die Verhältnisse in Wirtschaft, Verkehr und Technik, in den gesell­schaftlichen Beziehungen, in der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur, dem Nachrichtenwesen (Presse und Rundfunk), im Film und in der allgemeinen Art, zu denken, überreif geworden sind.

Weil die totalitäre Diktatur Hitlers ausgemerzt ist und andere Diktaturen uns bedrohen und uns überwältigen werden, wenn wir Europa nicht einigen und mit allen seinen ungehobenen Reserven stark machen.


Weil der Wille der Völker Europas den Schulterschluß wünscht. Wenn man denkt an das, was uns die Zukunft Positives zu bieten vermag, sofern wir uns zum Notwendigen entschließen und wir werden vor die Alternative gestellt, dann kann die Wahl nur lauten: Europa. Eine andere Wahl kann nur die des Elends und der Sklaverei sein.


Wir alle lieben unsere Heimat, unsere Nation, die Landschaft unserer Geburt und Kindheit. Wir dürfen jedoch nicht das Ziel in engstirnigen Vereinigungen oder Unionen sehen. Wie man anhand des Zweiten Weltkrieges erfahren durfte, ist Imperialismus ein schlechter Ratgeber.

Weshalb es vonseiten des Regierungs­kabinetts Hoffmann auch keine Mitglied­schaft in der UN angestrebt werde. Denn in der Charta der Vereinten Nationen vom 26. Juni 1945 Kapitel XII Artikel 75 beinhaltet praktisch die Auflösung aller Nationalstaaten, die als Mitglied in den Vereinten Nationen aufge­nommen werden. Dies würde einen kompletten Souveränitätsverlust über das Hoheits­gebiet eines National­staates bedeuten.

Deshalb müssen wir eher an einer gemeinsamen europäischen Zukunft planen und arbeiten, in der souveräne National­staaten, freie gemeinsame Interessen­gruppen bilden können, wie dies zum Beispiel der neue Europarat ist. Somit planen wir eine bessere Zukunft für unsere Kinder und Kindeskinder.


Was in der Fälschung über Europa genau zu lesen war

Ein freies, demokratisches Europa entsteht in seiner politisch-staatlichen Form bald oder nie. Warum bald?

Weil die Verhältnisse in Wirtschaft, Verkehr und Technik, in den gesell­schaftlichen Beziehungen, in der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur, dem Nachrichtenwesen (Presse und Rundfunk), im Film und in der allgemeinen Art, zu denken, überreif geworden sind.

Weil die totalitäre Diktatur Hitlers ausgemerzt ist und andere Diktaturen uns bedrohen und uns überwältigen werden, wenn wir Europa nicht einigen und mit allen seinen ungehobenen Reserven stark machen.


Weil der Wille der Völker Europas den Zusammenschluß wünscht. Wenn man denkt an das, was uns die Zukunft Positives zu bieten vermag, sofern wir uns zum Notwendigen entschließen und wir werden vor die Alternative gestellt, dann kann die Wahl nur lauten: Europa. Eine andere Wahl kann nur die des Elends und der Sklaverei sein.

Der Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa ist gewiß nicht ganz leicht, er erfordert Kraft, er verlangt einige Opfer. Was aber sind sie gegen die Opfer, die wir zwangsweise schon gebracht haben, und gegen jene Opfer, die wir morgen wieder bringen müßten, wenn wir uns nicht zusammenschließen.

Wir alle lieben unsere Heimat, die Landschaft unserer Geburt und Kind­heit. Wir dürfen jedoch nicht in engstirnigem Nationalismus unsere Zukunft und die unserer Kinder vergessen.


Ein Bundesstaat der Europäer mit demokratischer Verfassung, Regierung, Paß und Flagge — den Einrichtungen und Symbolen der Freiheit, der Sicher­heit, des Wohlstandes und des Friedens muß unser aller Wunsch sein.


Zusammenschluss oder Schulterschluss? Noch zwei Begriffsklärungen


Schulterschluss = Zusammenhalten von Gemeinschaften mit gleichen Interessen

Synonyme sind Bund, Bündnis, Geschlossenheit, Koalition, Pakt, Partnerschaft, Solidarität, Staatenbund


Zusammenschluss = eine Verbindung verschiedener Personen oder Unternehmen

Synonyme und sinnverwandte Wörter sind Bund, Union, Ring, Fusion, Vereinigung.


Quellen:

[1] Herbert Elzer, Die deutsche Wiedervereinigung an der Saar: Das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen und das Netzwerk der prodeutschen Opposition 1949-1955, Band 8 Geschichte, Politik & Gesellschaft, Schriftenreihe der Stiftung Demokratie Saarland, Röhrig Universitätsverlag, S.190 ff.

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